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Wenn Gesundheitsbewusstsein krankhafte Formen annimmt: Orthorexie 

Zunächst ist Vorsicht geboten, wenn neue Krankheitsbilder auftauchen, die noch nicht eindeutig diagnostizierbar sind. Ab wann gilt eine übertriebene Hinwendung zu ausschließlich gesunden Lebensmitteln zu Recht als Essstörung? Ab wann muss man davon ausgehen, dass zwanghaftes Verhalten tatsächlich gesundheitsschädlich ist?

Bei der Diskussion über Orthorexia Nervosa, als griechischer Fachterminus am besten mit „Nervöser Appetit auf Richtiges“ zu übersetzen, prallen schnell Ideologien aufeinander. In dem gleichen Maße, wie man überzeugte Veganer voreilig belächelt, sind ebenso schnell neue Vorurteile zur Hand, wenn es um den Befund einer Orthorexie geht. Denn als Krankheitsbild ist eine Diagnose auf Orthorexie Nervosa noch nicht wissenschaftlich anerkannt.

Ab wann ist man Orthorektiker? Ab wann tritt Leidensdruck auf?

Als typischer Orthorektiker lässt sich ein Menschen mit folgendem Verhaltensprofil bezeichnen:
Er befasst sich überdurchschnittlich intensiv mit gesunder Ernährung. Er investiert täglich überdurchschnittlich, geradezu ungesund viel Zeit in die Zubereitung seiner gesunden Ernährung. Unterwegs und auf Reisen führt er stets einen Vorrat an ausgesuchten Lebensmitteln mit sich. Er neigt dazu, fast alle gängigen Lebensmittel zu verteufeln. Und er empfindet die Nahrungsaufnahme nicht als lustvoll, sondern als Bestandteil einer disziplinierten Selbstkontrolle.

Darüber hinaus spielen psychische und soziale Auffälligkeiten eine Rolle. Orthorektiker neigen zur Bevormundung anderer, die sich nicht so gesund ernähren. Und sie fühlen sich anderen Menschen überlegen. Hinzu kommt die Gewohnheit, bei persönlich empfundenem Fehlverhalten sich selbst zu bestrafen. Die täglichen Essensrationen werden reduziert. Oder es gibt zur Strafe auch mal gar nichts zu essen. Es entsteht somit eine fließende Grenze zur Anorexie, der Magersucht. Vor allem hat ihn, den Orthorektiker, sein zwanghaftes Verhalten bereits in eine Art soziale Isolation getrieben. Seine Leistungs-und Arbeitsfähigkeit ist bedroht, am Ende sogar die körperliche Gesundheit.
So weit müsste man tatsächlich gehen, um einen Menschen mit Neigung zu gesundem Essen zu einem Patienten zu machen, der an Orthorexie erkrankt ist – und darunter selbst leidet. Es reicht nicht, wenn nur die Gesellschaft meint, an Orthorektikern zu leiden.

Echte Krankheit oder erfundenes Krankheitsbild?

Ob und inwieweit sich unter der Bezeichnung „Orthorexie“ Patienten mit solch drastischen Verhaltensweisen diagnostizieren lassen, kann offen bleiben. Denn das oftmals zumindest in Teilen ideologisch geprägte Verhalten von übertrieben gesundheitsbewussten Menschen ist am Ende auch eine Frage der Toleranz. Als problematisch erweist sich das Thema „Orthorexie“ jedoch im Zusammenhang mit der Erziehung von Kindern. Hier sehen Experten die begründete Gefahr, dass Kinder orthorektischer Eltern im späteren Leben zu Essstörungen neigen können. Wenn man die eigene Ernährung auf nahezu religiöse Weise ritualisiert oder wenn die Eltern dies bei ihren Kindern tun, sind Spätfolgen vorprogrammiert. Eine verbotsgesteuerte Wahrnehmung von Lebensmitteln und ihrem Genuss lässt sich als Vorstufe späterer Auffälligkeiten im Essverhalten werten.

Orthorexie und Anorexie weisen selbst ohne klar gegeneinander abgegrenzte Begriffe gewisse Gemeinsamkeiten auf. Denn eine Essstörung, die aus einem gestörten Verhältnis zum eigenen Körper entsteht, kann sich ebenfalls aus einem gestörten Verhältnis gegenüber Lebensmitteln ergeben. Wer unter Anorexie leidet, weist in der Regel gleichermaßen das symptomatische Verhalten von Orthorektikern auf. Am Ende entscheidet aber am besten ein Arzt darüber, ab wann eine zwanghafte Konzentration auf gesunde Ernährung einer Therapie bedarf.